Ein Interview mit einer Lehrerin
Verfasst von: Lea Haas
Lehrpersonen sind das Herzstück unserer Mission, ohne sie könnte kein Online-Unterricht angeboten werden. Irma ist Studentin und ist 24 Jahre alt. Sie unterrichtet seit Oktober 2023 bei Wild Flower und gibt euch einen Einblick in ihren Unterricht:
Wie genau funktioniert der Unterricht?
Irma: Derzeit unterrichte ich Englisch. Vor etwa einem Jahr hatte ich drei Schülerinnen, aktuell unterrichte ich noch eine. Ich finde es sehr inspirierend, wie fleissig sie ist. Man merkt deutlich, dass sie Wissen regelrecht aufsaugen möchte.
Einmal pro Woche unterrichte ich sie für eine Stunde. Am Anfang jeder Stunde tauschen wir uns über unsere Woche aus, wobei neben dem eigentlichen Unterrichtsthema auch persönliche Themen Platz finden.
Als Lehrerin bei Wild Flower richte ich mich stark nach den Bedürfnissen meiner Schülerin. Da sie die englische Grammatik bereits gut beherrscht, konzentrieren wir uns mehr auf das Schreiben und Sprechen. Ausserdem integriere ich bewusst verschiedene Themen in den Unterricht. Manchmal verbinde ich den Stoff mit historischen Hintergründen, Politik oder Weltliteratur, was den Unterricht über das blosse Erlernen der Sprache hinaus erweitert. Ein Beispiel: Die Schülerinnen wussten nicht, was ein Gletscher ist. Daraufhin habe ich eine ganze Unterrichtseinheit nur diesem Thema gewidmet.
Auffällig ist auch, dass sich meine Schülerin stark für andere Kulturen, insbesondere die Schweiz, interessiert. Deshalb behandeln wir oft politische Strukturen anderer Länder.
Wie viel Zeit und Ressourcen benötigst du?
Irma: Der Zeitaufwand variiert je nach Thema. Manchmal arbeite ich einen halben Tag pro Woche daran, in anderen Wochen ist es ein ganzer Tag. Besonders bei Themen, die nicht direkt mit Englisch zu tun haben, brauche ich mehr Zeit, da ich PowerPoint-Präsentationen und Arbeitsblätter selbst erstelle. Oft orientiere ich mich dabei an meinen Erfahrungen aus der Kantonsschule, die ich besucht habe.
Was ist die grösste Herausforderung im Unterricht?
Irma: Eine der grössten Herausforderungen war anfangs, eine funktionierende Internetverbindung zu den Schülerinnen in Afghanistan aufzubauen, da das Netz oft instabil ist. Auch die Koordination mit der Zeitverschiebung ist nicht immer einfach. Momentan unterrichte ich über WhatsApp, was besser funktioniert als Zoom.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass ich flexibel auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen eingehen muss. Man weiss nie genau, was in ihrem Leben gerade passiert, daher ist Offenheit notwendig. Zu Beginn war es ausserdem schwierig, da das Englischniveau der Schülerinnen sehr unterschiedlich war.
Da ich nicht hauptberuflich unterrichte und selbst studiere, kann der Unterricht manchmal auch stressig sein. Dennoch bereitet mir das Unterrichten grosse Freude.
Was gibt dir diese Arbeit?
Irma: Der kulturelle Austausch fasziniert mich. Es ist nicht nur so, dass die Schülerinnen von mir lernen – auch ich lerne viel von ihnen. Ich habe die Möglichkeit die Situation in Afghanistan hautnah mitzuerleben.
Bildung ist ein Privileg, das ich geniessen durfte. Daher ist es sehr erfüllend, mein Wissen weiterzugeben. Es ist schön zu sehen, wie sich die Schülerinnen nicht nur sprachlich, sondern auch in ihrer Meinungsbildung weiterentwickeln. Viele träumen davon, mit einem Stipendium im Ausland zu studieren, und Englisch ist dafür unerlässlich.
Für mich persönlich ist das Unterrichten eine Bereicherung, da es für mich eine ganz neue Erfahrung ist. Ich lerne nicht nur fachlich, sondern auch menschlich viel dazu.
Warum hast du dich entschieden zu unterrichten?
Irma: Für mich ist klar: Bildung ist das mächtigste Werkzeug der Welt. Mit dem Unterricht bei Wild Flower möchte ich den Schülerinnen das Rüstzeug für ihr Leben geben. Deshalb ist es mir wichtig, nicht nur Englisch zu unterrichten, sondern auch aktuelle politische und gesellschaftliche Themen einzubinden.
Wie schon angesprochen, hatte ich das Privileg, in der Schweiz aufzuwachsen und Zugang zu Bildung zu haben. Der Gedanke, dass Menschen aufgrund ihres Geschlechts vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden, finde ich erschreckend. Meine Schülerin erzählt oft, dass sie den ganzen Tag zu Hause sitzt und nichts zu tun hat. Früher hat sie in einem Kosmetikgeschäft gearbeitet, bevor sie aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen wurde. Solche Situationen können sehr hoffnungslos erscheinen. Ich möchte die Schülerinnen in ihren Träumen und Zielen unterstützen.
Manchmal hat man das Gefühl, allein nicht viel bewirken zu können, deshalb sind Organisationen wie Wild Flower so wichtig. Gemeinsam kann man viel mehr erreichen.
Abschliessend möchte ich betonen, wie inspirierend ich den Wissensdurst der Schülerinnen finde. Sie wollen sich nicht nur schulisch, sondern auch persönlich weiterentwickeln. Manchmal helfe ich auch bei praktischen Dingen, wie der Beantragung eines Visums. Ich bin für sie eine Ansprechpartnerin in vielen Bereichen, die sie zu Hause nicht besprechen können.